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Die politische Dimension von
Vorurteilen
Es soll hier nur über soziale Vorurteile gesprochen
werden, also über Vorurteile, die gesellschaftlich produziert werden und die -
wie eingeschränkt auch immer - gesellschaftlich gebilligt werden. Beispiele
dafür sind: der Antisemitismus, die nationalen Stereotypen und die
Feindbilder. (1) Eigentlich ist der Ausdruck "soziale Vorurteile" ein
Pleonasmus, denn "private Vorurteile" werden in der Regel nicht als Vorurteile
angesehen, sondern derjenige, der ein individuelles Wahngebilde sich aufbaut,
gilt als krank.(2)
Wenn beispielsweise ein Mensch von der fixen Idee besessen ist, alle rothaarigen
Kellner trachteten nach seinem Leben, so wird er sicher an einen Psychiater
verwiesen, obwohl diese seine Wahnidee psychologisch nichts anderes ist als die
Wahnidee Hitlers von der jüdischen Weltverschwörung. Der Unterschied zwischen
der Kellner-Wahnidee und der Juden-Wahnidee liegt lediglich darin, daß es sich
im ersten Fall um einen individuellen Wahnsinn - eine Form der Paranoia -
handelt, während die Vorstellung von der jüdischen Weltverschwörung auf eine
lange Geschichte gesellschaftlicher Approbation zurückblicken kann, von breiten
Schichten der deutschen Gesellschaft als wahr geglaubt wurde, weil diese
Wahnvorstellung bestimmte gesellschaftliche und individuelle Bedürfnisse
befriedigte.(3)
Ein Vorurteil hat drei Aspekte. Zunächst den kognitiven
Aspekt: Ein Vorurteil spricht ein Urteil aus. Beispiel: Alle Neger stinken.
Zweitens hat ein Vorurteil einen affektiven Aspekt, das bedeutet, daß ein
Vorurteil eine gefühlsmäßige Ladung besitzt. Beispiel: Jedesmal, wenn ich in der
Untergrundbahn neben einem Neger sitze, wird mir schlecht. Und drittens hat ein
Vorurteil einen konativen Aspekt, also eine Disposition zum Handeln. Beispiel:
Jedesmal, wenn sich in der Untergrundbahn ein Neger neben mich setzt, dann
wechsele ich den Platz.(4)
Die Disposition zum Handeln ist natürlich die gefährlichste Eigenschaft, die
Vorurteile haben, denn dieses Handeln kann von Diskriminierung über Verfolgung
bis hin zu Pogrom und Mord reichen. Eine geläufige Definition von Vorurteil
lautete: "Von anderen ohne ausreichende Begründung schlecht denken".(5)
Mit diesem "schlecht denken" könnte man sich abfinden, wenn nicht jedes
Vorurteil die Tendenz hätte, sich in Gewalttaten gegen denjenigen fortzusetzen,
der mit dem Vorurteil belegt wird. Allport hat die fünf Eskalations-Stufen
feindseligen Handelns beschrieben, die sich aus einem Vorurteil entwickeln
können: Am Anfang steht die Verleumdung und die Vermeidung, es folgen die
Diskriminierung und schließlich die körperliche Gewaltanwendung und
Vernichtung.(6) Deshalb gibt es keine "unschuldigen" oder "harmlosen"
Vorurteile; im antisemitischen Witz liegt bereits der Keim zum Pogrom. Für
Vorurteile und Feindbilder gilt in besonderem Maße: pricipiis obsta, den
Anfängen gilt es zu widerstehen. Das Bemühen, Vorurteile kritisch anzugehen und
den Versuch zu machen, sie abzubauen, gehört zu den wichtigsten Aufgaben der
politischen Bildung.(7)
Freilich handelt es sich bei dem Versuch, Vorurteile
abzubauen, um ein schwieriges Unterfangen. Ein Vorurteil ist nicht einfach ein
falsches Urteil, sondern ein hartnäckig falsches Urteil, d. h. es sträubt sich
gegen die Berichtigung. Hierin liegt der entscheidende Unterschied zwischen
einem falschen oder vorläufigen Urteil und einem Vorurteil: Falsche Urteile,
vorläufige Urteile können durch neue Erfahrungen berichtigt werden. Dazu ein
Beispiel: Wenn ich den Wal als einen Fisch angesehen habe aufgrund seiner Form
und seiner Lebensweise, dann aber in einem Biologielehrbuch erfahre, daß der Wal
ein Säugetier, also kein Fisch ist, wird es mir keine Schwierigkeiten bereiten,
mein falsches Urteil zu berichtigen. Ein Vorurteil zeichnet sich aber dadurch
aus, daß es sich hartnäckig gegen diese Berichtigung durch neue Erfahrungen
wehrt, daß es resistent ist gegen neue Erkenntnisse. Diese Abschottung des
Vorurteils gegen neue Erfahrungen wird vor allem durch zwei Mechanismen bewirkt.
Erstens durch das, was in der Psychologie selektive Wahmehmung genannt wird.
Wenn ich beispielsweise das Vorurteil habe, daß es in Frankreich schmutziger ist
als in Deutschland, werde ich in Frankreich auf jeder Straße und in jedem
Hotelzimmer Schmutz sehen und werde durch diese auswählende Wahrnehmung mein
Vorurteil als berechtigt empfinden. Zweitens: Vorurteile verhindern neue
Erfahrungen dadurch, daß der Vorurteilsbehaftete den Kontakt mit dem Objekt
seines Vorurteils vermeidet. Der Antisemit wird Bekanntschaft mit Juden, der
Rassist Berührung mit Negern z.B. scheuen; er wird sich gegen diese neue
Erfahrung wehren. Vorurteile sind gewissermaßen ein liebgewordenes Mobiliar
unseres Weltbildes. Wir haben uns mit den Vorurteilen eingerichtet, und wir
möchten nicht verunsichert werden dadurch, daß dieses Weltbild in Gefahr
kommt.
Wie entsteht die Bereitschaft im Menschen, Vorurteile anzunehmen und
sie zu einem integrierten Bestandteil seines Denkens und Handelns zu machen? Die
ersten Voraussetzungen zur Vorurteilsbereitschaft entstehen bereits in frühester
Kindheit. Schon der Säugling erwirbt die Disposition, die ihn später befähigt,
Vorurteile in sein Weltbild einzubauen und nach ihnen sein Verhalten
einzurichten. Zu den wichtigsten Dingen, die ein Säugling im ersten Lebensjahr
lernen muß, gehört die Unterscheidung zwischen Innen und Außen. Der Säugling muß
seinen eigenen Körper, seine Gefühle, seine Bedürfnisse, seine Wünsche von der
Umwelt unterscheiden können. Das ist ein sehr schwieriger Prozeß, denn für den
Säugling sind zunächst sein eigener Körper, das Bettchen, die Mutter eine
Einheit. Die Differenzierung zwischen dem Selbst und der Umwelt beginnt damit,
daß der Säugling feststellt, daß Dinge, die er sich gerne zueignen würde, wie
etwa die Mutterbrust, offensichtlich seinem Willen nicht gehorchen, also
"draußen" sind, während andere Dinge, die er gerne abweisen möchte, wie etwa die
Leibschmerzen, zu ihm gehören, ein Teil seines Selbst sind. Der Säugling muß
also lernen zu unterscheiden zwischen den Reizen, die aus der Umwelt auf seinen
Körper treffen, und den Triebregungen, die aus seiner eigenen Person kommen.
Freud hat diese Fähigkeit, die der Säugling erwerben muß, "Realitätsprüfung"
genannt.(8)
Diese Realitätsprüfung, also die Fähigkeit des Menschen,
zwischen Innen und Außen unterscheiden zu können, zwischen der Welt draußen und
den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, kann natürlich niemals vollständig
gelingen. Wir können die äußere Welt nur als Subjekt erfahren, das heißt, alle
Wahrnehmung ist durch unser Wesen, durch unsere Befindlichkeit, durch unsere
Aktivität vermittelt. Aber die Fähigkeit zur Realitätsprüfung kann
verschieden stark entwickelt sein. Manche Menschen sind in hohem Maße fähig, die
äußere Realität vergleichsweise unbeeinflußt von ihren eigenen Gefühlen,
Bedürfnissen und Wünschen wahrzunehmen; andere dagegen projizieren ihre
Innenwelt so stark auf die Umwelt, daß sie kaum imstande sind, die Realität
unvoreingenommen sehen zu können. Was sind nun die Bedingungen, die gegeben
sein müssen, damit der Säugling diese Fähigkeit der Realitätsprüfung erwirbt?
Ich möchte nur einige dieser Bedingungen nennen. Zunächst ist wichtig, daß der
Säugling ein Gefühl der Sicherheit und Verläßlichkeit erwirbt, also die Mutter
sich in ihrer Anwesenheit und Abwesenheit auf die Bedürfnisse des Säuglings
einstellt und für ihn diese Anwesenheit oder Abwesenheit kein irrationales
Ereignis ist. Zu häufiges Anwesendsein und zu lange Abwesenheit sind schlechte
Bedingungen für die Entwicklung dieses Stabilitätsgefühls. Auch darf die Mutter
den Säugling nicht für ihre eigenen Gefühle instrumentalisieren, also ihr
eigenes Gefühlsdefizit - entstanden etwa in der Ehe oder dern Beruf - durch
Überhäufen des Säuglings mit Zuwendung und Gefühlen auszugleichen versuchen.(9)
Dies sind alles sehr subtile Vorgänge, die auch keineswegs planbar sind, sondem
in hohem Maße davon abhängen, inwieweit die Mutter selbst jene Stabilität und
Ausgeglichenheit besitzt, die sie dem Säugling vermitteln soll. Und dies
wiederum hängt ab von ihren eigenen frühesten Erfahrungen und der realen
Situation, in der sie lebt. Erwirbt der Säugling die Fähigkeit zu
angemessener Realitätsprüfuungen nicht, dann ist damit die erste Voraussetzung
für vorurteilhaftes Verhalten gegeben, denn vorurteilhaftes Verhalten bedeutet
ja nichts anderes, als daß der Mensch Teile seines Inneren - Bedürfnisse,
Wünsche, Triebe - auf ein äußeres Objekt projiziert und dann glaubt, das, was er
als Bild im Kopf hat, sei das Bild der Realität. Margarete Mitscherlich hat dies
einmal so formuliert: "Nur wenn wir die Fähigkeit entwickelt haben, zwischen
äußeren und innerseelischen Anlässen zum Haß zu unterscheiden, läßt sich
feststellen, ob er aus tatsächlichen Unmenschlichkeiten oder Kränkungen
entsprungen ist oder aus einem Phantasievorgang, in dem einem Haßopfer die
Unmenschlichkeit angedichtet wird".(10)
Daß die Entscheidung, ob ein Mensch eine angemessene
Fähigkeit zur Realitätsprüfting erwirbt, bereits in der frühesten Kindheit
fällt, bedeutet natürlich nicht, daß Vorurteilsbereitschaft gewissermaßen eine
im ersten Lebensjahr erworbene Determinante ist, die den Menschen für den Rest
seines Lebens prägt. Davon kann überhaupt nicht die Rede sein, sondern das, was
in diesem ersten Lebensjahr erzeugt wird, ist lediglich eine Disposition, die
aber, wenn im weiteren Sozialisationsprozeß verstärkende Erfahrungen
hinzukommen, zu einer verfestigten Verhaltensweise wird. Wenn also der Mensch im
Heranwachsen immer wieder die Erfahrung der Unsicherheit, der
Nichtverläßlichkeit macht, dann wird er mit großer Wahrscheinlichkeit
vorurteilhaft reagieren.
Dieses Phänomen, daß Menschen für eine
realitätsangemessene Wahrnehmung der Welt Stabilität und Sicherheit brauchen,
läßt sich auch in Krisen und Ausnahmesituationen feststellen. Wenn Menschen in
solche Situationen kommen, dann geschieht es sehr oft, daß ihre differenzierten
Umweltbilder zusammenbrechen und daß sie seelisch auf einen früheren Zustand
zurückfallen und ihre Fähigkeit zur Realitätskontrolle wieder verlieren. Das
läßt sich sehr gut am Beispiel des politischen Terrorismus studieren. Nicht nur
bei den Terroristen ist jeder Realitätsbezug verlorengegangen; auch die
emotionalisierten Reaktionen in der Öffentlichkeit zeigen dieses Zusammenbrechen
der differenzierten Umweltbilder und der Fähigkeit der Realitätsprüfung.
Vorurteile erfüllen für den Menschen, der sich an sie klammert, eine ganz
bestimmte Funktion; etwa die Funktion, Unsicherheit und Bedrohung in seelischer
Weise zu bewältigen. Vorurteile sind ein Instrument, um Angst abzuwehren. Sie
dienen dazu, Sicherheit für das eigene Handeln zu finden, die Welt gewissermaßen
überschaubar zu machen, für alles die richtige Schublade zu finden. Damit hängt
zusammen, daß es Wellen des Antisemitismus oder Wellen von
Vorurteilsbereitschaft gibt. Diese Welle von Vorurteilen scheint im Anschwellen
begriffen zu sein, nicht nur in der Bundesrepublik, sondem etwa auch in
Frankreich.
Die Ursache dafür, daß die überwunden geglaubten nationalen
Stereotypen und Vorurteile wiederum belebt werden, liegt in der Verunsicherung,
die in allen europäischen Staaten durch krisenhafte Erscheinungen in Wirtschaft,
Politik und Alltagsleben hervorgerufen worden sind. Die Welt ist für sehr viele
Menschen nicht mehr überschaubar, und insbesondere sind für sie die Folgen ihres
Handelns nicht mehr kalkulierbar. Wenn vor 10 Jahren ein junger Mensch in der
Bundesrepublik das Lehrerstudium begann, dann konnte er abschätzen, daß er zu
einem bestimmten Zeitpunkt in seinem Beruf würde arbeiten können. Heute ist das
überhaupt nicht mehr absehbar. Das Entscheidende dabei ist nicht das Risiko der
Berufswahl, sondern die Irrationalität dieser Verteilung von Lebenschancen, die
etwa darin besteht, daß es lediglich auf die Stärke des Abitujahrgangs ankommt,
ob ein junger Mensch einen Studien- oder Arbeitsplatz bekommt oder nicht. Mit
anderen Worten: die Lebenschancen von ganzen Generationen junger Menschen hängt
für sie von völlig irrationalen, von ihnen nicht beeinflußbaren Faktoren ab. Das
ist mit der These gemeint, daß für sehr viele Menschen nicht mehr das eigene
Handeln in bezug auf einen möglichen Erfolg abschätzbar ist. Das gleiche gilt
auch für andere Bereiche. So sind etwa Konjunkturschwankungen, sektorale
ökonomische Prozesse vom einzelnen überhaupt nicht mehr zu überschauen. Eine
zweite Funktion der Vorurteile ist das, was man Stabilisierung des
Selbstwertgefühls nennen könnte. In Amerika gehören die weißen Dockarbeiter zu
der sozial am niedrigsten eingeschätzten Gruppe der Arbeiter. Bei dieser Gruppe
ist der Rassismus besonders stark. Das ist ein Beispiel für diese Funktion von
Vorurteilen. Man nimmt eine niedrige soziale Position in Kauf, wenn es eine
Gruppe gibt, die noch drunter steht. Das gleiche gilt natürlich aufjeder Stufe
der sozialen Leiter. Dritte Funktion von Vorurteilen: sie liefern ein
gesellschaftlich gebilligtes Objekt für die Aggressionsabfuhr. In den modernen
Industriestaaten gibt es, wie der amerikanische Soziologe Parsons überzeugend
nachgewiesen hat, ein großes Potential an Aggressivität - das wissen wir auch
aus unserer Alltagserfahrung -; diese Aggressivität findet in den
vorurteilsbehafteten Gruppen ein gesellschaftlich gebilligtes Objekt.(11)
Auch dafür bietet der politische Terrorismus ein Beispiel.
Ich will daran erinnere, welche schlimmen Dinge etwa zutage gekommen sind, als
der Stuttgarter Oberbürgermeister Rommel die Bestattung der Stammheimer
Selbstmörder gestattet hatte. Damals konnte man in Leserbriefen in Stuttgarter
Zeitungen lesen, diese Kerle gehörten zerstückelt und in die Kanalisation
geworfen usw. Das ist ein Beispiel für die Aggressionsabfuhr, die sich an solche
Ereignisse heftet. Eine vierte Funktion der Vorurteile. sie stärken das
Zusammengehörigkeitsgefühl, sie bilden ein Ingroup-Bewußtsein. Ich möchte dazu
Mitscherlich zitieren, der das einmal so beschrieben hat: "Der Gewinn, den
ein geteiltes Vorurteil abwirft, liegt darin, daß wir in konformem Verhalten mit
der Gruppe auch ihre spezifischen Erleichterungen mitgenießen dürfen. Wir dürfen
mit den Wölfen heulen, wir dürfen nach Vorurteilen agieren, mithandeln und
unsere eigene innere Triebspannung damit erleichtern. Die Ablenkung der
Triebspannung nach außen auf Minoritätsgruppen ist gleichsam der ökonomische
Trick zur Erhaltung des Gruppengleichgewichts.(12)
Vorurteile und Feindbilder haben eine individuelle und eine
gesellschaftliche Funktion. Für das Individuum tragen sie zur Stabilisierung des
Ichs bei. Sie vermitteln Sicherheit und vermindern die Angst. Dies bedeutet, daß
Menschen umso stärker vorurteilshaft reagieren, je größer ihre Defizite in bezug
auf persönliche, berufliche und gesellschaftliche Identität sind. Auf der
anderen Seite sind die Inhalte von Vorurteilen gesellschaftlich vorgegeben, und
sie tragen bei zur gesellschaftlichen Integration. Die Gesellschaft prämiert und
akzeptiert denjenigen, der das gesellschaftliche Normen- und Vorurteilssystem
teilt, während sie denjenigen mit Sanktionen belegt, der abweichende
Auffassungen vertritt. Dies bedeutet, daß einerseits die Menschen, die von
geringer Ich-Stabilität aufgrund geringer persönlicher und sozialer
Akzeptanzerlebnisse und Zuwendung den Versuch machen, durch Integration in
dieses Normen- und Vorurteilssystem sich die erforderliche Akzeptierung und
Zuwendung zu erkaufen. Sie werden umgekehrt den Versuch, ihr mühsam
stabilisiertes Vorurteils- und Wertsystem in Frage zu stellen, als Bedrohung
empfinden und mit Angst oder Flucht reagieren.
Nun noch einige Worte zu den
Objekten von Vorurteilen. Wenn die These zutrifft, daß bei Vorurteilen nicht das
Objekt das entscheidende ist, sondern die Bedürfnisse, Triebspannungen und
Wünsche des Subjekts, dann dürfen die Objekte der Vorurteile im Grunde
austauschbar sein. Das trifft bis zu einem gewissen Grade auch zu. Es gibt
allerdings historisch vorgezeichnete Vorurteilsobjekte, wie etwa die Juden im
Antisemitismus oder die Neger. Aber tendenziell sind die Objekte von Vorurteilen
austauschbar. Eine Eigenschaft allerdings müssen die Objekte von sozialen
Vorurteilen haben. Sie müssen unterscheidbar sein.(13) Und gerade das ist ja bei den Juden mit Schwierigkeiten
verbunden. Hitler hat im Sinne der Vorurteilspsychologie folgerichtig gehandelt,
als er den Juden den Judenstern angeheftet hat. Neger beispielsweise sind
unmittelbar erkennbar. Auch andere soziale Minioritäten wie Zigeuner sind
ebenfalls unmittelbar identifizierbar. Da sind solche Hilfsmittel nicht
notwendig. Die zweite Eigenschaft, die Objekte von Vorurteilen haben müssen,
ist, daß sie schwach sein müssen, zugleich aber auch als Gefahr dargestellt
werden können.(14) Vorurteile sind verzerrte Bilder von der Welt, wobei die
Ursachen für die Verzerrung auf individuelle und gesellschaftliche Defizite und
Mängel zurückgehen. Weil Menschen aus Gründen, die in ihrer Lebensgeschichte
oder in der Struktur der Gesellschaft liegen - beides ist untrennbar verbunden -
nicht die äußere und innere Freiheit gewinnen können, nach der sie streben,
bauen sie sich eine Welt des Wahns aus Vorurteilen und Feindbildern auf. Goethe
hat einmal auf die Macht dieser zweiten Welt hingewiesen: "...so ist außer
dieser realen Welt noch eine Welt des Wahns, viel mächtiger beinahe, in der die
meisten leben."(15) Für das politische Handeln hat diese Wahnwelt der
Vorurteile und Feindbilder fatale Folgen. In der Politik, besonders in der
internationalen Politik, können die Menschen in der Regel keine eigene
unmittelbare Erfahrung machen. Sie interpretieren deshalb die Ereignisse der
Politik in der Regel nach dem Vorbild ihrer Alltagserfahrungen und projizieren
dadurch ihre Alltagsvorurteile auf den Bereich der Politik. Ich möchte nur
einige dieser Alltagsformeln nennen, mit denen Politik interpretiert wird: Nur
Stärke zählt. Oder: wenn man angegriffen wird, muß man sich wehren und
dergleichen. Die politische Realität wird auf ein Freund-Feind- Raster
reduziert; es wird eine Schwarz-weiß-Zeichnung angefertigt und eine schreckliche
Vereinfachung der politischen Realität vorgenommen. Dies hat zur Folge, daß eine
realitätsbezogene Politik nur schwer legiti- mierbar ist. Schließlich wird die
Politik als Projektionsschirm benutzt für private Ängste.(16) Adorno hat in der Untersuchung über den autoritären
Charakter diese von Vorurteilen und Stereotypen entstellte Welt, in der die
meisten Menschen leben, einmal so beschrieben: "Die autoritäre Persönlichkeit
lebt in einer Welt, die sie sich als Dschungel ausmalt, wo jeder gegen jeden
ist, wo die Welt betrachtet wird als gefährlich, bedrohlich, wo jedes
menschliche Wesen aufgefaßt wird als selbstsüchtig, böse oder dumm. Die
Sicherheit kann man dann nur durch Stärke erlangen, oder sie besteht
hauptsächlich in der Fähigkeit zu dominieren. Wenn jemand nicht stark genug ist,
ist die einzige Altemative, einen starken Beschützer zu finden."(17) Wie kann man diese Wahnwelten aufbrechen? Wie kann man
Menschen anleiten, sich von der unheilvollen Wirkung von Vorurteilen und
Feindbildem freizumachen? Richtigstellende Informationen allein genügen wohl
kaum. Aufklärung ist ungeheuer wichtig, aber sie genügt nicht. Die Vorurteile
sind zu fest in der Struktur der Menschen verankert; sie haben eine zu starke
Funktion für den einzelnen und die Gesellschaft, als daß sie durch bloßes
Argumentieren abgebaut werden könnten. Das ist ein gesicherter Bestand der
Forschung. Das leuchtet auch ein, denn Vorurteile haben ja relativ wenig mit dem
Gegenstand zu tun, den sie zu bezeichnen vorgeben. Adorno hat dies einmal am
Antisemitismus exemplarisch gezeigt: man gehe bei dem Versuch, durch
Gegeninformation antisemitische Vorurteile abzubauen, allzusehr von der
Voraussetzung aus, der Antisemitismus habe etwas Wesentliches mit den Juden zu
tun und könne durch konkrete Erfahrungen mit Juden bekämpft werden, während der
genuine Antisemit vielmehr dadurch definiert sei, daß er überhaupt keine
Erfahrungen machen könne, daß er sich nicht ansprechen ließe.(18) Sigmund Freud hat einmal folgende Geschichte erzählt: Wenn
jemand komme und sage, der Erdmittelpunkt besteht aus einer
Eisen-Nickel-Legierung, dann könne man mit diesem Menschen ein
wissenschaftliches Streitgespräch mit Argumenten führen. Wenn aber jemand komme
und sage, der Erdmittelpunkt besteht aus Erdbeermarmelade, dann sei ein
Argumentieren relativ sinnlos. Freud schlägt dann eine Wendung des Blicks vor.
Dann sei eigentlich die Frage sehr viel interessanter, was für ein Mensch das
sei, der diese Auffassung habe.(19) Wieso komme er dazu, diese Auffassung zu vertreten? Welche
Bedürfnisse sind es, die ihn so wahrnehmen und denken lassen? Vorurteile sind
Gewaltstrukturen in unseren Köpfen. Sie sind ein Element der Unfreiheit und
deshalb nicht allein durch Argumente zu bekämpfen. Vorurteile sind das Ergebnis
erduldeter Gewalt, die an einen dritten weitergegeben wird. Deshalb heißt
Vorurteile bekämpfen, den Menschen größere Chancen der Selbstverwirklichung zu
geben, sie anzuleiten, sich selbst besser akzeptieren zu können, ihr Ich zu
stärken. Vorurteile bekämpfen heißt, den gesellschaftlichen Druck, der auf den
Menschen lastet, zu verringern, ihnen die Angst und die Unsicherheit zu nehmen,
ihren Freiheitsspielraum zu vergrößern. So ist die Frage des Abbauens von
Vorurteilen sehr eng mit der Stärkung der Demokratie verbunden. Stärkung der
Demokratie bedeutet aber nicht, wie man heute gelegentlich zu glauben scheint,
eine Verstärkung der Polizei, sondern ein Vorantreiben all der mühsamen
Prozesse, die die Selbstbestimmung und die Freiheit des Menschen von äußeren und
inneren Zwängen steigern. Abbau von Vorurteilen bedeutet aber auch Aufklärung.
Aufklärung nicht im Sinne von Gegeninformation, sondern Aufklärung über die
Mechanismen, nach denen Vorurteile funktionieren. Bei Menschen, die
Vorurteile zu einem Teil ihrer Persönlichkeitsstruktur gemacht haben, ist der
Frontalangriff auf Vorurteile zum Scheitern verurteilt. Allein Selbsteinsicht
könnte hier dazu fuhren, die Verteidigungs- und Abwehrstellungen zu
durchbrechen, mit denen das Vorurteilssystem abgesichert ist. Erst Lemprozesse,
sie es dem Menschen erlauben, Einsicht in die eigenen psychischen Strukturen zu
gewinnen, die ihn erkennen lassen, weshalb er der Vorurteile bedarf, versprechen
Erfolg bei dem Versuch des Abbaues von Vorurteilen. Bei anderen sind wir sehr
wohl in der Lage, Vorurteile zu erkennen und zu analysieren. Bekanntlich ist der
Balken im eigenen Auge das beste Vergrößerungsglas für den Splitter im Auge des
Nächsten. Aber bei uns selbst will die Erkenntnis, daß wir Vorurteile haben,
nach ihnen die Welt interpretieren und sie zur Richtschnur unseres Handelns
machen, nur schwer gelingen. Das Vorurteil der eigenen Vorurteilslosigkeit ist
das hartnäckigste Vorurteil überhaupt. Aufgabe ist die Schärfung der
Beobachtungsfähigkeit für unser eigenes Verhalten. Die Einübung einer
Sensibilität für das, was wir sagen und tun. Nur so kann es gelingen, die
Blindheit aufzuhellen, die nur zu oft die Grundlage unserer Selbstsicherheit
ist. Diese Selbstbesinnung ist nicht einfach. Denn solcher Introspektion
stehen erhebliche Widerstände entgegen. Geradezu Schrecken erzeugt die
unverstellte Selbstwahrnehmung, weil sie unser oft mit großer Anstrengung
errichtetes Selbstbild gefährdet. Wir haben unser Selbstbild durch ein Bündel
von Vorurteilen gesichert, und ein tiefgestaffeltes System von
Selektionsmechanismen und Wahrnehmungshemmungen verhindert die Aufnahme von
äußerer Realität, die unsere Vorstellungen von uns selbst stören oder
korrigieren und damit unsere Selbstsicherheit bedrohen könnten. Dies freilich
ist nur die individuelle Seite. Es muß angemerkt werden, daß der Erfolg solcher
Bemühungen nicht unabhängig vom gesellschaftlichen Zusammenhang gesehen werden
kann. Wenn Vorurteile gesellschaftliche Deformationen der Lebenspraxis der
Menschen spiegeln, dann verlangt die Befreiung von Vorurteilen die Änderung
dieses Lebenszusammenhangs. Wenn nach Max Horkheimer "die Zustände des
gesellschaftlichen Lebens ... von selbst zum starren Vorurteil" treiben, dann
hängt die Authebung der Blindheit der Menschen im Vorurteil letztlich ab von der
Aufhebung des gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs, der diese Blindheit
produziert."(20) Wie steht es um die Chancen der Änderung solcher
individueller und gesellschaftlicher Strukturen? Die Situation ist freilich
entmutigend: die Gewaltstrukturen im internationalen System, in den
GeseIlschaften und in den Köpfen der Menschen sind so stabil, daß es schon einer
Art neurotischen Starrsinns bedarf, an der Hoffnung, die Wahnwelten der
Vorurteile und Feindbilder könnten abgebaut werden, festzuhalten. Sigmund Freud
hat einmal die Schwäche der Vemunft dem Aberwitz, der Unvemunft und der
Übermacht der Triebe gegenüber beschrieben. Aber es sei doch etwas Besonderes um
diese Schwäche: "die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht,
ehe sie sich nicht Gehör geschafft hat. Am Ende nach unzählig oft wiederholten
Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man
für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf."(21) Auf diese leise Stimme der Vemunft sollten wir
vertrauen.
Anmerkungen 1)
Der vorliegende Text stellt eine überarbeitete Fassung eines Vortrages dar, den
der Verfasser am 18.11.1977 in Loccum im Rahmen der Tagung der Evangelischen
Akademie "Vorurteil ohne Ende" hielt. 2)
Zu dem Begriff "soziales Vorurteil" vergleiche die Untersuchung von Peter
Heintz, Soziale Vorurteile, Ein Problem der Persönlichkeit, der Kultur und der
Gesellschaft, Köln 1957. 3)
Freud hat einmal darauf hingewiesen, daß offensichtlich solche kollektiven
Wahnsysteme das Individuum davor bewahren, individuelle Wahnsysteme entwickeln
zu müssen. Freilich sah er darin keine Rechtfertigung für kollektiven Wahn. Vgl.
S. Freud, Gesammelte Werke, Bd. XIII, S. 159f 4)
Vgl. Earl E. Davis, Zum gegenwärtigen Stand der Vorurteilsforschung, in:
Vorurteile, ihre Erforschung und ihre Bekämpfung. Politische Psychologie, Bd. 3,
Frankfurt/M. 1964, S. 51 ff. 5)
Vgl. Gordon W. Allport, Die Natur des Vorurteils, Köln 1971, S. 20. 6)
A. a. 0., S. 28 f 7)
Der Verfasser hat zusammen mit Änne Ostermann den Versuch unternommen, die
Vorurteilsproblematik für die politische Bildung darzustellen und Material für
den Unterricht zusammenzustellen: Änne Ostermann/Hans Nicklas, Vorurteile und
Feindbilder, Materialien, Argumente und Strategien zum Ver- ständnis der
Mechanismen, die Menschen dazu bringen, einander mißzuverstehen und zu hassen.
Zugleich eine Einftihrung in die politische Psychologie. München 1976 (Verlag
Urban u. Schwarzenberg). 8)
Zu dem Freudschen Begriff der Realitätsprüfuungen vergleiche: J. Laplanche,
J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt/M. 1972, S. 431
ff. 9) Vgl. zu dem Begriff der Instrumentalisierung die unter Leitung
des Verfassers in der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschuungen
entstandenen Arbeiten zur Aggressionsproblematik, besonders: Ute Volmerg, Gewalt
im Produktionsprozeß, und Birgit Volmerg, Zur Sozialisation struktureller
Feindseligkeit" in: Friedensanalysen, Bd. 6, Frankfurt/M. 1977. Femer Ute
Volinerg, Identität und Arbeitserfahrung. Eine theoretische Konzeption zu einer
Sozial- psychologie der Arbeit, Frankfurt/M. 1978. 10) Margarete Mitscherlich, Müssen wir hassen? Über den Konflikt
zwischen innerer und äußerer Realität, München 1972, S. 64. 11) Talcott Parsons, Über wesentliche Ursachen und Forrnen der
Aggressivität in der Sozialstruktur westlicher Industriegesellschaften, in:
Talcott Parsons, Beiträge zur soziologischen Theorie, Neuwied 1964, S. 223-255.
12 Alexander Mitscherlich, Revision der Vorurteile, in: Der Monat 1962 Nr. 165,
S. 12. 13 Bernd Tichatschek-Marin wies in der Diskussion darauf hin, daß für das
vorurteilshafte Verhalten ebenso das Aufspüren des nicht ohne weiteres
erkennbaren Vorurteilsobjektes charakteristisch sei. Dieser wichtige Hinweis
findet seine Bestätigung in der Untersuchuug zum "Autoritären Charakter,", vgl.
Anmer kung 14 und 17. 14) Leo Löwenthal, Norbert Gutermann, Agitation und Ohnmacht. Auf
den Spuren Hitlers im Vorkriegsamerika, Neuwied 1966, S. 46 f. 15) Goethe, Maximen und Reflexionen, 293. 16) Die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung versucht
in einem Forschungsprojekt den Zusammenhang von Alltagserfahrung, Angst und
Politikverständnis zu erhellen. Vgl. dazu: Hans Nicklas, Birgit Volmerg, Ute
Volmerg, Thomas Leithäuser, Sicherheitsbedürfnis und Konfliktverarbeitung. Eine
soziologisch- psychologische Untersuchung zum Ost-West-Konflikt. Eine
Projektskizze (Manuskript). Femer. Thomas Leithäuser, Birgit Volmerg, Gunther
Salje, Ute Volmerg, Bemhard Wutka, Entwurf zu einer Empirie des
Alltagsbewußtseins, Frankfurt/M. 1977. 17) Theodor W. Adorno, Studien zum autoritären Charakter,
Frankfurt/M. 1973. 18) Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der
Vergangenheit?, in: Eingriffe, Neun kritische Modelle, Fmnkfurt/M. 1963, S.
144. 19) Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. XV, S. 53. 20) Max Horkheimer, Über das Vorurteil (Arbeitsgemeinschaft für
Forschuug des Landes Nordrhein-Westfalen, Geisteswissenschaften Heft 108), Köln
1963, S. 7 21) Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. XIV, S. 377. Hans
Nicklas, Die politische Dimension von Vorurteilen aus: M.Bosch, Antisemitismus,
Nationalsozialismus und Neonazismus S. 13f
Aus der Linksammlung Argumente gegen Rechts
Helmut Heiland am 8. August 2000
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