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Sehr geehrter Herr Markotter!
Ihr Mail in dem Sie Ihre Enttäuschung über Wolfgang Schüssel
kundtun haben wir erhalten.
Ich erlaube mir Ihnen diesbezüglich einige erklärende Fakten
mitzuteilen:
Die ÖVP hatte vor den Wahlen angekündigt bei Erreichen des
dritten Platzes in Opposition zu gehen. An diesem Kurs wurde-
trotz Mandatsgleichstandes mit der FPÖ und einer Differenz von
nur 415 Stimmen- auch nach den Wahlen festgehalten.
Erst die drohende Unregierbarkeit Österreichs angesichts der
fortdauernden Ausgrenzung der FPÖ durch die SPÖ, der massive
Druck der Öffentlichkeit und der Regierungsbildungsauftrag des
Staatsoberhauptes, die alle an die historische staatstragende Rolle
der ÖVP in der 2. Republik appellierten, veranlaßten die ÖVP
schließlich zum Eintritt in Regierungsverhandlungen mit der SPÖ.
Diese Verhandlungen wurden abgebrochen, aber keinesfalls
aufgrund "unerfüllbarer Forderungen der ÖVP", sondern der
fehlenden Bereitschaft der SPÖ und ihrer Gewerkschaften, die
bereits erzielte Einigung auch in der Praxis umzusetzen. ÖVP-
Parteichef Wolfgang Schüssel bedauerte ausdrücklich die negative
Entscheidung der SPÖ und die Unmöglichkeit einer gemeinsamen
Verwirklichung des erzielten Verhandlungsergebnisses.
Als der Bundespräsident den SPÖ-Vorsitzenden in der Folge mit
der Bildung einer Minderheitsregierung beauftragte, warb die SPÖ
offen für eine Unterstützung derselben sowohl durch die FPÖ als
auch durch die ÖVP. In der SPÖ wurden sogar prominenteste
Stimmen für eine Zusammenarbeit mit der FPÖ laut: SPÖ
Vorsitzender Klima ersuchte die FPÖ nicht nur um eine
Unterstützung einer SPÖ-Minderheitsregierung im Parlament,
sondern stellte sogar eine förmliche Regierungsbeteiligung der
FPÖ in Aussicht.
Das sichere Scheitern einer Minderheitsregierung hätte direkt in
Neuwahlen geführt, die das in Österreich gegen das grokoalitionäre
System bestehende Protestpotential noch weiter vergrößert hätten.
Die FPÖ wäre dadurch allen Umfragen zufolge möglicherweise
sogar zur stimmenstärksten Partei geworden.
Erst als klar wurde, daß eine SPÖ-geführte Minderheitsregierung
im Parlament über keinerlei stabile Mehrheit verfügen würde,
entschloß sich ÖVP-Chef Schüssel mit Zustimmung seiner
Parteigremien und dem Wissen des Bundespräsidenten, im
Interesse der Stabilität Österreichs und seiner europäischen
Verpflichtungen, Verhandlungen mit der FPÖ aufzunehmen.
Diese Vorgangsweise der ÖVP muß auch im Lichte der langen
Tradition ihrer Arbeit für Österreich betrachtet werden, in der sie
stets bereit war, auch in schwierigen Zeiten die Interessen des
Landes vor Parteiinteressen zu stellen. Die ÖVP, die seit 1945 ein
Garant für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, Marktwirtschaft
und westliche Werte war und als Europapartei Österreich 1995 in
die EU geführt hat, wird sich auch in der jetzigen Regierung zu
einem verantwortungsvollen Kurs verpflichten, der die Integration
Österreichs in die westliche Wertegemeinschaft auf allen Ebenen
vollendet.
Mit freundlichen Grüßen
Franz Morak
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