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Was Österreich lehrt
Die westeuropäische Parteiendemokratie muss reformiert werden
Ist Österreich ein Paria? Die harsche Reaktion von 14 EU-Staaten auf die
Vorgänge in
Österreich lässt sich kaum mit politischen Kategorien erklären. Auch der
naheliegende
Verweis auf geschichtliche Lehren, aus denen es Konsequenzen zu ziehen
gelte, verfängt nicht.
Die Hitlerei war und bleibt einmalig; selbst ein Jörg Haider ist nicht
dessen Wiedergänger. Der
Verdacht drängt sich deshalb auf, dass man von Berlin bis Brüssel, von
Paris bis Lissabon in
der schwarzblauen Regierungskoalition in Österreich das eigene Menetekel zu
erblicken
wähnt.
Wie anders ließe sich erklären, dass ausgerechnet Belgien mit am heftigsten
auf die Vorgänge
in Österreich reagierte. Das kleine Belgien weist eine politische Klasse
auf, deren endemische
Verkommenheit und Unfähigkeit, die zahllosen eigenen Probleme zu meistern, im
Nachkriegseuropa ohne Beispiel ist. Auch in Frankreich vergaß man alle
diplomatische
Delikatesse. Aber die Schärfe der französischen Replik auf FPÖ-Chef Haider, der
Staatspräsident Chirac öffentlich bescheinigte, in den letzten Jahren alle
Fehler gemacht zu
haben, die man nur machen könne, schießt über diese Beleidigung hinaus. Nicht
ausgeschlossen, dass die französische Reaktion ein Reflex eigener
Irritationen war,
veranlasst durch die Zerfaserung der gaullistischen Bewegung, die, nachdem
sie seit langem
schon jeder zukunftsweisenden Idee entbehrt, auch als ein politisches
Machtkartell unkittbar
zerbrochen ist.
Und hierzulande? Die Parteispendenaffäre der CDU hat längst die Dimensionen
einer
Staatskrise erreicht, auch wenn dies immer noch bestritten wird.
Schließlich ist die CDU kein
Kaninchenzüchterverein, sondern eine der tragenden Säulen der
Gesellschaftsordnung in
diesem Land. Das gilt auch für die NRW-SPD, an der eine unvergleichbar
geringere Fäulnis nagt.
Dennoch lassen sich strukturelle Ähnlichkeiten des Parteienverfalls nicht
übersehen.
Dieses Bild einer maladen Republik wird vervollständigt durch einen
Bundespräsidenten, der
sich zu diesem Amt wie keiner seiner Vorgänger berufen fühlte. Nun aber, da
sein Drängen sich
erfüllte und ihm überdies mit der gegenwärtigen Staatskrise die Stunde der
Bewährung
schlug, da er sein hohes Amt in moralischer Autorität ausmünzen könnte, war
er für lange
stumm. Verglichen mit Rau mochte dessen österreichischer Amtskollege
Klestil, der bislang
allenfalls durch seine Unauffälligkeit auffiel, geradezu wie ein
Demosthenes anmuten.
Allenthalben also laborieren die EU-Staaten an Symptomen einer Krankheit,
von der man
vermuten darf, dass deren Vollbild jetzt in Österreich zu besichtigen ist.
Das erleichtert auch
die Diagnose, die auf ein krebsartiges Auswuchern der politischen Parteien
lautet. Dass sich
die Parteien in Österreich wie anderswo in Westeuropa nicht auf das
eigentliche politische
Geschäft beschränkten, sondern sich daneben ein ganzes Netzwerk von ihnen
abhängiger oder
kontrollierter Institutionen schufen, das die zivile Gesellschaft
überwucherte, war einst
durchaus sinnvoll. Historisch gerechtfertigt war dieses Netzwerk, solange
es unmittelbar nach
den materiellen und mentalen Verheerungen des Zweiten Weltkriegs galt, in
Westeuropa
Demokratien aufzubauen. Die Ironie, dass man damit genau die
Herrschaftspraxis der braunen
oder roten Schreckensregime imitierte, gegen die man sich zu verwahren
suchte, ging
niemandem auf. Diese nicht begriffene Ironie hat sich unterdessen jedoch in
einen Fluch
verwandelt.
Das Exempel dafür liefert Österreich. Hier ist auf Grund einer Reihe von
Besonderheiten die
parteipolitische Parzellierung der Gesellschaft, die sich wie überall im
Schlagschatten der
lang anhaltenden Ost-Westkonfrontation des "Kalten Kriegs" ungehindert
entwickelte,
besonders grotesk fortgeschritten: Das gesamte soziale Leben ist in Österreich
parteipolitisch durchproportioniert, d. h. in "Erbhöfe" der beiden
"staatstragenden" Parteien
SPÖ und ÖVP aufgeteilt. Das zeitigte ein "Versumpfen" der politischen
Gesellschaft, deren
Raisonnement zu "Gerede" verkam, das, um mit Hegel zu sprechen, "verstummt
vor den
ernsten Wiederholungen der Geschichte".
Diese "ernsten Wiederholungen" erfüllten sich zum einen mit dem jähen Ende der
Ost-Westkonfrontation seit 1989ff. Zum anderen in den sich mehrenden
Anzeichen der
Globalisierung, die auch am Horizont der Alpenrepublik dräuend aufzogen.
Der Gewinner der
daraus resultierenden Verunsicherung, auf die das alte politische System
keine Antwort
wusste, ist die FPÖ Jörg Haiders. Mit seiner kruden Mixtur aus
Fremdenfeindlichkeit und
neoliberalen Forderungen nach Verschlankung des Staates und Entmachtung des
von den
"Altparteien" beherrschten Establishments, war es ihm ein Leichtes, das
verängstigte,
deshalb mühelos zu verhetzende Kleinbürgertum um sich zu scharen. Auf die
Dauer wird aber
auch ein Haider die hochgespannten Erwartungen seiner Klientel enttäuschen
müssen, denn
diese Mixtur ist keine konsistente Antwort auf die mannigfachen und komplexen
Herausforderungen der Globalisierung.
So gesehen ist Österreich tatsächlich das Menetekel der westeuropäischen
Parteiendemokratien. Die Parteien müssen nun mit Schrecken gewahren, dass
sie ihre
Einflusszonen in der Zivilgesellschaft zu räumen haben, wollen sie nicht
sehenden Auges eine
schwere Sinnkrise der Demokratie heraufbeschwören. Ihre umfassende
Regelungswut wie ihre
angemaßte Kompetenz als Vormünder wird ihnen nun zum Fluch. Alle Parteien
sehen sich mit
dem Dilemma konfrontiert, dass sie keine plausiblen Antworten auf die "ernsten
Wiederholungen der Geschichte" formulieren können. Die gesellschaftliche
Macht, die sie sich
unter historisch anderen Umständen erwarben, verwandelt sich in Ohnmacht.
Der Zwang, in
soziale Besitzstände ihrer Klientel einzuschneiden, ist ihnen nicht nur
eine Sünde wider den
Heiligen Geist der auf Machterhalt und Machtgewinnung ausgerichteten
Parteiräson; denn,
gäben die Parteien diesem Zwang nach, gingen sie auch ihrer politischen
Legitimation
verlustig, die sich daraus speist, dass sie unter allen Umständen die
sozialen Besitzstände
ihrer Klientel verteidigen.
Was also tun? Um österreichische Zustände zu vermeiden, müssten sich die
Parteien neu
erfinden und sich als Innovationsagenturen begreifen, die pragmatische,
sprich weitgehend
ideologiefreie Antworten auf die andrängenden Probleme formulieren. Diese
Antworten
sollten dann auch nicht mehr durch ein von den Parteien aufgezogenes und
kontrolliertes
gesellschaftliches Netzwerk diffundiert, sondern beispielsweise mittels
wirklich
unabhängiger Medien im Dialog mit einer selbstbewussten, demokratischen
Öffentlichkeit
kommuniziert werden. Auf diese Weise ließen sich gleichzeitig versteckte
Einflussmöglichkeiten auf die politischen Parteien vermeiden, für die der
CDU-Spendenskandal täglich neue Aufschlüsse liefert. Auf die
Herausforderungen, die sich mit
der Globalisierung an die westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten stellen, wird
nur eine
Gesellschaft angemessen, d.h. ohne Konvulsionen und nachhaltige
Irritationen reagieren
können, die von den Parteien nicht weiterhin in politischer Unmündigkeit
gehalten wird. Der
historische Prozess demokratischer Erziehung ist abgeschlossen. Höchste
Zeit also, dass
Parteien und Öffentlichkeit dies begreifen und die allfälligen Konsequenzen
daraus ziehen.
Johannes Willms
Quelle: SZ - Feuilleton
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